Alkohol & Cholesterin: Was ein Glas Wein wirklich mit Ihren Blutwerten macht
Ein Glas Wein zum Abendessen, ein Bier nach dem Sport, der Apéro mit Freunden – Alkohol gehört für viele Menschen zu einem guten Leben dazu. Wer mit erhöhten Cholesterinwerten zu kämpfen hat, fragt sich verständlicherweise, ob er sich diese Genussmomente noch leisten kann. Die wissenschaftliche Antwort ist erstaunlich nüchtern: Auf den Cholesterinspiegel hat Alkohol einen geringen direkten Einfluss. Er kann Ihrer Gesundheit jedoch trotzdem schaden und andere Blutfettwerte sowie den Blutdruck erhöhen.
Von Brigitte Christen-Hess, Ernährungsberaterin SVDE
Beeinflusst Alkohol den Cholesterinspiegel?
Eine direkte Wirkung von Alkohol auf den Cholesterinspiegel im Blut – das «schlechte» LDL oder das «gute» HDL – ist nach heutigem Stand der Forschung nicht in einem Ausmass belegt, das eine klare Empfehlung rechtfertigen würde. Wer auf seinen LDL-Wert achtet, muss deswegen also nicht zwingend auf Alkohol verzichten.
Alkohol greift aber an anderen Stellen massiv in den Stoffwechsel ein – und leider sind genau diese Stellen für Menschen mit erhöhten Cholesterinwert besonders heikel.
Der unterschätzte Nachbar: Triglyzeride
Erhöhte Cholesterinwerte kommen selten allein. Oft werden sie begleitet von ebenfalls erhöhten Triglyceridwerten. Meine Klientinnen und Klienten mit einer Triglyceridämie sprechen jedoch besonders gut auf eine Ernährungsumstellung an und profitieren von einem Alkoholverzicht.
Triglyzeride sind Nahrungsfette und dienen dem Körper als Energiereserve. Sie werden u.a. über den Darm mit der Nahrung aufgenommen. Die Leber baut sie aus Zucker und – Sie ahnen es – aus Alkohol auf. Ein hoher Zucker- und Alkoholkonsum ist also eine häufige Ursache für hohe Triglyceridwerte. Zusammen mit ebenfalls erhöhten Cholesterinwerten entsteht daraus eine riskante Kombination:
Hohe Triglyzeride und erhöhtes LDL-Cholesterin sind besonders ungünstig, wenn sie gemeinsam auftreten. Dann steigt das Risiko für Ablagerungen in den Gefässen stärker, als es jeder Wert für sich allein tun würde. Zusammen sind diese Befunde deshalb deutlich ernster zu nehmen.
Kalorien, Kilos, Blutdruck: die stille Kette
Ein Deziliter Wein liefert rund 70 Kilokalorien, ein grosses Bier kommt locker auf 200, und ein Aperol Spritz spielt in derselben Liga. Diese Kalorien werden vom Körper bevorzugt verarbeitet, in Fett umgewandelt – und die Verbrennung macht währenddessen Pause. Hinzu kommt, dass Alkohol den Appetit anregt und wir mehr essen als gewöhnlich. Wir nehmen also zu.
Mehr Gewicht bedeutet mehr Bauchfett, und Bauchfett wiederum verschlechtert das gesamte Blutfettprofil: LDL und Triglyzeride steigen, das gefässschützende HDL sinkt. Über diesen Umweg hat Alkohol durchaus etwas mit dem Cholesterin und dem Risiko zur Entstehung von Herz-Kreislauferkrankungen zu tun.
Hinzu kommt der Blutdruck: Wer dauerhaft zu viel Alkohol trinkt, riskiert eine Erhöhung seines Blutdrucks. Bluthochdruck ist ein eigenständiger Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall. Liegen erhöhte Cholesterinwerte und erhöhter Blutdruck gleichzeitig vor, steigt das Herz-Kreislauf-Risiko nochmals deutlich an. Das ist der Grund, warum Ärztinnen und Ärzte bei Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko so genau nach dem Alkoholkonsum fragen.
Das Märchen vom schützenden Glas Rotwein
Kaum eine Vorstellung hält sich so hartnäckig wie diese: Ein Glas Rotwein pro Tag sei gut fürs Herz. Verantwortlich gemacht werden dafür sekundäre Pflanzenstoffe – die Polyphenole im Rotwein.
Es gibt immer wieder Berichte über einen möglichen positiven Einfluss eines moderaten Konsums von alkoholischen Getränken und Rotwein auf die Herz- und Gefässgesundheit. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Studien, die diese Wirkung auf das Herz-Kreislaufsystem nicht bestätigen.
Wer von der Wirkung der sekundären Pflanstenstoffe profitieren möchte, muss keinen Rotwein trinken. In roten, blauen und violetten Gemüsesorten (z.B. Auberginen, Tomaten) und Früchten (z.B. Kirschen, Pflaumen) sind diese Pfanzenstoffe in deutlich grösserer Menge enthalten. Essen Sie also lieber mehr Frischkost – ohne den Alkohol-Ballast obendrauf.
Anders gesagt: Wer ab und zu gerne ein Glas Wein trinkt, kann es bewusst geniessen – sollte sich davon jedoch keinen gesundheitlichen Vorteil erhoffen.
Und Bier und Cholesterin?
Bier landet in der Wahrnehmung vieler irgendwo zwischen Erfrischungsgetränk und harmloser Sünde – und wird in Sachen Cholesterin selten ernst genommen. Zu Unrecht. Aus Stoffwechselsicht gilt für Bier Ähnliches wie für Wein: Der direkte Effekt auf den LDL-Wert ist klein, der indirekte über Kalorien, Triglyzeride und Blutdruck ist es nicht.
Dass alkoholfreies Bier in diesem Punkt deutlich besser dasteht, dürfte niemanden überraschen. Wer den Biergeschmack mag, findet damit eine alltagstaugliche Alternative: weniger Kalorien, kein Alkohol-Effekt auf die Leber, und das gesellige Glas in der Hand bleibt erhalten.
Was heisst das konkret für Menschen mit erhöhtem Cholesterin?
Pauschale Verbote bringen erfahrungsgemäss wenig – aber ein paar Orientierungspunkte sind hilfreich:
- Wer einen leicht erhöhten LDL-Wert hat und ansonsten gesund ist, muss Alkohol nicht komplett meiden, sollte den Konsum aber im Rahmen seines gesamten Risikoprofils betrachten – dies im Wissen, dass der Körper keinen Alkohol benötigt.
- Wer zusätzlich erhöhte Triglyzeride mitbringt, sollte seinen Alkoholkonsum bewusst einschränken. Bei stark erhöhten Triglyzeriden ist ein Alkoholverzicht oft besonders wirksam.
- Wer gleichzeitig mit Bluthochdruck, Übergewicht oder Diabetes lebt, sollte mit der Hausärztin oder dem Hausarzt klären, was im individuellen Fall sinnvoll ist. Alkohol kann nämlich auch die Wirkung von Medikamenten beeinflussen.
- Wer cholesterinsenkende Medikamente einnimmt, klärt regelmässigen Alkoholkonsum am besten ärztlich ab. Manche Statine werden in der Leber abgebaut – derselben Leber, die bereits den Alkohol verarbeiten muss.
Etwas möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: Die Gesundheitsbehörden haben in den letzten Jahren weltweit ihre Haltung zum Thema Alkohol angepasst. Eine Menge Alkohol, die nachweislich keine Risiken birgt, wird heute kaum mehr benannt. Das Fazit der Weltgesundheitsorganisation geht sogar einen Schritt weiter: «Beim Alkoholkonsum gibt es keine unbedenkliche Menge». Wie dies mit Ihrer persönlichen Lebensweise vereinbar ist, ist eine andere Frage – und eine, die jede und jeder für sich beantworten darf.
Kurz und knapp
Alkohol ist kein direkter Cholesterintreiber. Und doch ist er ein Faktor, den man bei erhöhten Werten nicht ausblenden sollte. Über die Triglyzeride, das Gewicht und den Blutdruck wirkt er auf genau jene Hebel, die das Herz-Kreislaufsystem belasten. Wer beim Cholesterin etwas verändern möchte, gewinnt mit einem ehrlichen Blick auf die eigenen Trinkgewohnheiten oft mehr, als beispielsweise der Verzicht auf das Frühstücksei je bringen würde.
Es ist eine Einladung, den eigenen Konsum realistisch einzuordnen und zu hinterfragen. Und manchmal findet sich ein wirksames Puzzleteil zum Cholesterin-Management beim nächsten Apéro.
“Alkohol bringt keine gesundheitlichen Vorteile. Diese ehrliche Sichtweise ist hilfreicher als jede beschönigende Halbwahrheit. “